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- Kolumne: 6 Dinge, die ich am Dating mag
Dieser Text erschien zuerst am 20.08.2024 auf amazedmag. Jap, richtig gelesen. In diesem Text soll es um sechs Dinge gehen, die ich am Dating mag. Das überrascht vielleicht, denn: Es ist weitaus einfacher, Dating scheiße zu finden. Es gibt viel, was man daran nicht mögen kann. Dating ist oberflächlich, die Menschen sind unzuverlässig und scheuen Commitment. Dating geht immer auch mit Ablehnung zur eigenen Person einher – und das ist unangenehm. Gibt man bei Google „Dating ist“ ein, ergänzt die Suchmaschine automatisch: anstrengend, langweilig, wie ein Nebenjob, Istanbul. Ich habe noch niemanden getroffen, der gesagt hat: „Ich mache jetzt schon fünf Jahre Online-Dating und: I love it! Ich kann’s kaum erwarten, meinem nächsten Date zu erklären, was ich beruflich mache.“ Dass Dating blöd ist, ist also Konsens unter Singles – und damit Mainstream. Und wann immer etwas Mainstream ist, habe ich Lust, mal die Perspektive zu drehen. Was könnte man am Dating lieben? Warum tun sich Menschen das an, unbezahlt, in ihrer kostbaren Freizeit? Lasst uns gemeinsam genauer hinschauen. Hier kommen sechs Dinge, die ich am Dating mag: Mit jedem Date tauche ich in eine fremde Welt ein Selten in meinem Leben bin ich so vielen unterschiedlichen Menschen begegnet. Bin kurz in ihre Welt eingetaucht, habe zugehört, beobachtet und gestaunt. Da war der Ex-Geheimagent, der so belastet durch seinen Job war: der nicht mehr in eine Bar gehen konnte, ohne Menschen zu zählen und die Notausgänge auszuchecken (OMG, wenn ich das schreibe, kann ich es selbst nicht mehr glauben. Geheimagent? LOL). Der Halbitaliener, dessen Mutter gerade bei ihm lebte, weil sie sich von ihrem millionenschweren, möglicherweise mafiösen Ehemann getrennt hatte. Der Jurist, der eine Einschätzung abgab, wie viel unter Anwälten gekokst wird. Der Drehbuchautor, der mir von seiner Zeit im Writer’s Room in Hollywood erzählte. Dating holt mich aus meiner gewohnten Bubble raus. Ich erwische mich manchmal im Alltag, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie man gegen Gendern oder Maßnahmen für mehr Umweltschutz sein kann. Und dann treffe ich wieder jemanden, der so anders ist als ich – so andere Lebensumstände und Sorgen hat und deswegen auch ganz andere Wünsche hegt. Das gibt mir erstens eine Erklärung dafür, warum es so lange dauert, bis ich meinen Herzensmenschen finde. Es liegt eben nicht (nur) an mir: Es gibt einfach verdammt viele, verdammt unterschiedliche Menschen da draußen. Diese ganzen verschiedenen Menschen „durchzuprobieren“ mit ihren individuellen Werten, Wünschen und Interessen – das nimmt Zeit in Anspruch, die Kombinationsmöglichkeiten sind aus statistischer Perspektive betrachtet unzählig. Dating is a number’s game! Das eigentliche Wunder ist doch, wenn trotz dieser Masse an Non-Matches mal ein Mensch dabei ist, bei dem alles passt: Werte, Wünsche UND Interessen.Was ich auch erstaunlich finde: Obwohl ich diese Menschen vorab in den Apps matche und damit „vorsortiere“, sind sie immer noch so verschieden! Ist das nicht crazy?! Da sah einer passend aus, und dann passte der trotzdem nicht! DIE MENSCHEN SOLLEN AUFHÖREN SO ANDERS ZU SEIN ALS ICH, DAS NERVT! Hehe, kleiner Spaß. Aber das führt mich hierhin: Dating trainiert meine Toleranz. Es zeigt mir, wie bunt und vielfältig die Welt ist und wie unterschiedlich Menschen das Konzept “Leben” gestalten. Und dass diese eine Person, die mir gerade gegenübersitzt, vielleicht nichts für mich ist – es aber trotzdem total okay ist, dass sie existiert, und dass sie trotzdem ihren passenden Deckel finden wird. Genau wie ich. Irgendwann. Ich lerne mit jedem Date Neues Die Begegnung mit Menschen, die anders sind als ich, führt auch dazu, dass ich in die Verlegenheit komme, Neues zu lernen. Dinge, die womöglich meinen Horizont erweitern. Das fängt mit praktischem Alltagswissen an: Von Björn zum Beispiel habe ich gelernt, dass man Pilze nicht waschen darf. Von Andreas, was Umami bedeutet. Marc-Oliver hat mir Amaretto Sour gezeigt. Von Christoph weiß ich, dass man Spaghetti Bolognese fünf Tage lagern und danach immer noch ohne Bedenken essen kann. Ich habe auch neue Empfehlungen für die Stadt bekommen, in der ich seit fast 16 Jahren lebe: Dank Tom habe ich die Bar „Call Saul“ entdeckt, die ganz im Stil von Breaking Bad gestaltet ist und wo die Cocktails so dampfen wie elementarer Phosphor, der stark erhitzt wird (Danke ChatGPT für diesen Vergleich). Felix findet, dass man in München am besten im Bahnwärter Thiel tanzen gehen kann. Toby hat mir die „Lange Nacht der MAP“ gezeigt, eine Veranstaltung der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse, bei der man erst gemeinsam einen Film guckt und danach renommierten Psychologen zuhört, wie sie die Figuren aus dem Film analysieren. I mean: WHAAAAT? Sowas gibt’s? Ich wachse mit jedem Date Es ist nicht so, dass ich immer Lust auf Dating habe. Ganz im Gegenteil: Oft habe ich gar keine Lust. Muss mich motivieren, rauszugehen und einer fremden Person meine Aufmerksamkeit zu schenken. Einer Person, die allein schon aus statistischen Gründen wahrscheinlich nicht „the one“ wird. Jedes Date ist eine Challenge für mich. Eine Challenge, die ich annehme. Ich tue es für den Moment danach: Wenn ich nach Hause komme, voll mit frischen Eindrücken von einem fremden Menschen und seinem Blick auf die Welt. Und dann bin ich stolz auf mich. Stolz, dass ich mich überwunden habe. Dass ich über mich hinausgewachsen bin. Dass ich mein Liebesleben aktiv in die Hand nehme, anstatt passiv drauf zu warten, dass mein Prinz an meinem Sofa vorbeireitet. Dass ich in diesem neuen Date wieder etwas finden konnte, was mir an einem Mann gefällt oder nicht – sodass ich wieder ein Stück besser weiß, was ich suche. Dass ich wieder mal die Erfahrung gemacht habe, dass Dates doch ganz okay sind. Dass ich mich ganz gut geschlagen habe. Denn eine ganz klare Erfahrung von mir ist auch: Dating ist Übungssache. Ich persönlich bin mit jedem Date sicherer und souveräner geworden. Habe ich mir früher noch im Vorhinein überlegt, welche Fragen ich stellen könnte, so gehe ich inzwischen viel entspannter rein, weil ich weiß: Wird schon irgendwie. So lange ich offen bin und neugierig auf diesen neuen Menschen, wird’s schon werden. Go with the flow! Und diese entspannte Einstellung nehme ich mit in andere soziale Kontexte, wo ich in Zweier-Settings auf Menschen treffe: Beim Business-Lunch zum Networken, beim Treffen mit dieser einen Bekannten, die ich noch gar nicht gut kenne. Wird schon irgendwie. Ich bin also überzeugt: Dating hat mich zu einem sozial kompetenteren Menschen gemacht. Jedes Date zeigt mir, dass Männer auch aufgeregt sind – und wir alle im selben Boot sitzen Zuerst war es eine Vermutung, inzwischen ist es für mich eine Gewissheit: Auch die vermeintlich coolen Männer sind bei Dates aufgeregt. Woher ich das nehme? Ich bin Psychologin und meine Lieblingsbeschäftigung bei Dates ist es, mein Gegenüber im Stillen genau zu beobachten. Und ich habe das hier gesehen: zitternde Lippen, flatternde Finger, schwitzen, den Faden beim Reden verlieren, nervöses Lachen, das Handy während unseres Dates verlieren, steife Körperhaltung, Rede-Ergüsse, ohne dass ich zu Wort kommen konnte – und sich danach dafür entschuldigen mit den Worten: „Das ist die Aufregung, weißt du?“. Manchmal habe ich auch ganz offen gefragt: „Bist du eigentlich aufgeregt bei so einem ersten Date?“ Und habe darauf (mal, aber nicht immer) ehrliche Antworten erhalten. Manche haben auch von sich aus irgendwann erzählt, dass sie aufgeregt waren am Anfang.Und das finde ich so schön! Warum sollten Männer auch nicht aufgeregt sein bei einem Liebes-Casting? Vielleicht lerne ich gerade meinen neuen Lieblingsmenschen kennen – das ist für alle aufregend, wir sind alle nur Menschen mit Gefühlen, Wünschen und Ängsten. Selbst bei den coolsten Typen denke ich mir: Hinter der harten Schale möchtest auch du einfach nur, dass dich jemand liebhat. Und diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass ich denke: Wir Menschen sitzen alle im selben Boot. Wir sind hier gerade nur zwei Vertreter der Spezies Homo Sapiens, die mit offenen Herzen raus in die Welt gehen und dabei zutiefst menschliche Gefühle haben. Let me give you a hug, we will be alright! Dating gibt mir die Möglichkeit, Feedback zu meiner Person zu erhalten – und das ist manchmal überraschend nett Für mich gibt es nichts Vulnerableres auf der Welt, als sich auf den Datingmarkt zu schmeißen. Sich aus der sicheren Höhle herauszutrauen, verschiedene Menschen zu treffen, mit der Frage auf dem Herzen: Könntest du dir vorstellen, dass wir uns liebhaben? Und wenn man emotional so blankzieht, dann bleiben Ablehnung und Frustration nicht aus. Dating ist Ablehnung – da führt kein Weg dran vorbei. Einfach, weil der Regelfall ist, dass es nicht passt. In der Öffentlichkeit wird ja gerne das Bild vom unnahbaren Single-Mann gezeichnet, der nicht empfänglich ist für Gefühle und Bindung, und der auf Frauen-Herzen herumtritt. Meine Erfahrung ist eine ganz andere: Ausnahmslos alle Männer, die ich persönlich getroffen habe, waren sehr nett und zuvorkommend. Ich habe nicht eine beleidigende Erfahrung gemacht. Ich habe Ghosting erlebt, ja – allerdings nur bei Personen, mit denen ich lediglich gechattet hatte. Männer, die ich getroffen habe, und die dann kein weiteres Interesse hatten, haben das immer höflich kommuniziert. Nagt trotzdem am Ego, aber ist immerhin aufrichtig. Und dann gab es auch die, die sehr wohl interessiert an Bindung waren und mehr wollten als ich. Und hier kommt der Punkt: Sowohl höfliche Absagen, als auch hoffnungsvolle Interessensbekundungen, sind oft ummantelt von positivem Feedback über die eigene Person. Was ich schon für überraschend nette Nachrichten bekommen habe: Dass ich eine warmherzige Wohlfühlatmosphäre verbreite, dass meine Augen so leuchten, wenn ich über kreatives Schreiben spreche, dass ich im positivsten Sinne besonders sei. Und was Nettes über sich selbst zu hören, das tut manchmal einfach gut! Dating ist aufregend Oooops, wie konnte mir das nur auf den letzten Punkt rutschen? Im ganzen Dating-Wirrwarr vergesse ich es manchmal, aber: Dating kann Spaß machen. Dating ist Action und Unterhaltung. Dating heißt Begegnungen, und Begegnungen lassen Dinge entstehen. Wann sonst bietet sich die Möglichkeit, einem spontanen Kurztrip zuzustimmen und in ein ungewisses Liebesabenteuer aufzubrechen? Oder mit einem attraktiven Fremden auf dem Olympiaberg zu knutschen, während Ed Sheeran im Hintergrund sein Konzert mit dem Song „perfect“ abschließt? Dating kann dazu führen, dass man sich lebendig fühlt. Dating bringt einem Geschichten, an die man lange zurückdenkt. Nicht umsonst füllen diese Geschichten ganze Serien. „Do it for the plot!“ ist ein beliebtes Motto unter Singles. Grob übersetzt meint es: Sei die Hauptfigur in deinem persönlichen Liebesfilm. Wenn Dating Erfolg hat: toll. Wenn nicht: hast du wenigstens eine gute Geschichte. Dating heißt für mich, „ja“ zum Leben zu sagen.
- Kolumne: Gedanken nach 6 Monaten Onlinedating
Mein erster Eindruck: Onlinedating ist wie Kuscheltiere-Angeln mit dem Greifautomaten Das Tinder-Spiel, schonmal gespielt? 🤓 Ich war mega neugierig, wie das digitale Rumbaggern wohl so funktioniert. Es ist, was es ist, sagt die Liebe.. 💖 Könnte man jetzt sagen. Ich sage: Es ist, was du draus machst 🤹🏼♀️ Meines Erachtens zentral für die Erfahrungen mit tinder & co.: was man sich davon erwartet. Ich habe für mich inzwischen eine selbstwertschützende Einstellung gefunden. Eine Einstellung, mit der Swipen vor allem Spaß bringt und wenig frustrierend ist - am besten veranschaulicht über diese Metapher: ✨ Tindern ist wie Kuscheltiere-Angeln mit dem Greifautomaten ✨ Genau, diese Spielautomaten, mit denen man sich an abgeranzten Autobahnraststätten die Zeit vertreiben kann 🤖🎣🐻 HERE'S WHY: 🔹Man erwartet nix und will nur mal gucken, was man so angeln kann 🔹Wirklich angewiesen ist man auf keins dieser Kuscheltiere 🔹Man wirft keine 50 Euro Scheine ein, sondern investiert maximal 50 Cents 🔹Dieses eine süße Kuscheltier kriegt man nicht gegriffen 🔹Hat man ein Tier in der Roboterhand, kann es einem immer und zu jeder Zeit wieder entgleiten 🔹Das lässt sich auch nicht kontrollieren, indem man die Knöpfe fester drückt. So funktioniert das Spiel 🔹Der Erfolg des Spiels hat somit nix mit Können und/oder Persönlichkeit des Spielers zu tun 🔹Hält man ein erfolgreich erangeltes Kuscheltier in den Händen, sieht es oft ganz anders aus als durch die Automaten-Scheibe erahnt 🔹Mit diesem Kuscheltier möchte man unter Umständen nicht kuscheln 🔹Dafür können weder Spieler noch Kuscheltier etwas 🔹Man zuckt also mit den Schultern und denkt: Joa, und jetzt? 🔹Man legt es sanft auf die Fensterbank. Bestimmt kommt bald jemand, der genau dieses Tier mitnehmen möchte 🔹Dann wendet man sich dem Automaten zu und wirft weitere 50 Cents ein 🔹Mal gucken, was man so angeln kann Dieser Text ist erstmals erschienen im Mai 2021.
- Kolumne: 10 Wochen für die Kreativität: mein Creative Sabbatical (Creabbatical)
Dieser Text erschien zuerst am 20.07.2023 auf amazedmag. Hola, ich wollte kurz Bescheid sagen: Ich bin bald off. Und zwar zehn Wochen. Keine Jour Fixes, keine Check-ins, kein emergency synchro bei Projekt-Eskalation. Ich habe frei. Please hesitate to contact me, ich bin out of office, und zwar fast drei Monate lang. Die Idee kam mir letzten Herbst. Eine Freundin war gerade von ihrer Auszeit zurückgekehrt und erzählte von ihren Eindrücken aus drei Monaten Spanien und Portugal mit dem Bulli. Mein Gedanke: „Die macht’s richtig. You only live once“. Dann dachte ich: „Ich will auch frei haben!“ Und dann: „Warum mache ich das eigentlich nicht? Theoretisch könnte ich, was hält mich davon ab?“. Das Geld reicht, ich muss keine Familie ernähren, noch nicht mal Haustiere gießen oder Pflanzen füttern. Meine Firma bietet Möglichkeiten für Auszeiten an. Am Ende wird es auf eine Mischung aus unbezahltem Urlaub, Urlaub und Überstunden-Abbau hinausgelaufen sein. Eigentlich ging es nur darum, eine Entscheidung zu treffen und mich zu trauen. Und so war der Gedankensamen gesät, mal eine berufliche Auszeit zu nehmen. Wie ein fleißiges Kresse-Pflänzchen wuchs er heran. Der größte Schritt war, mir selbst die Erlaubnis zu geben, dass mein Beruf für eine gewisse Zeit mal nicht die höchste Priorität in meinem Leben hat. Mit allen möglichen Konsequenzen. Dass Spaß, andere Interessen und persönliche Themen auch mal Vorrang haben dürfen. „Meist sieht man des Lebens Frist vor lauter Alltagsfristen nicht“, besagt ein weiser Merksatz. Also ran an den Speck, jetzt oder nie! Um mich selbst auszutricksen, dass aus dem Gedanken auch ein echter Plan wird, weihte ich meine Chefin früh ein. Nun war es ausgesprochen: „Ich will länger frei haben“. Ab da war kein Weg zurück. Und die Vorfreude stellte sich ein. Der nächste Sommer wird ein freier Sommer, wie schön! Kreativität als „Connecting the dots“ Viele nutzen so eine Auszeit, um die Welt zu bereisen. Für mich war klar: Ich möchte mich meiner Kreativität widmen, Reisen soll nicht im Fokus stehen. Die Idee für mein Creative Sabbatical oder auch Creabbatical war geboren. Vor Jahren habe ich mal einen Vortrag über Kreativität besucht, bei dem es hieß: „Kreativität, das ist ‚connecting the dots‘.“ Also die Fähigkeit, Bezüge zwischen Bereichen herzustellen, wo vorher noch keine waren. Lebenserfahrungen aus Bereich A auf Lebensbereich B zu transferieren und dadurch etwas Neues, Überraschendes zu erschaffen. So hat zum Beispiel Steve Jobs das User-Interface des Mac-Computers nur so schlicht und letztendlich ikonisch gestaltet, weil er Jahre zuvor einen Kalligraphie-Kurs besucht hat und die Eindrücke daraus bei ihm jahrelang haften blieben (nachzuhören hier ). Diese Vorstellung hat mich seit jeher fasziniert: Kreativität als lebenslanger Prozess, bei dem man Eindrücke in unterschiedlichsten Lebensbereichen sammelt („dots“), diese Eindrücke irgendwann, zu Zeitpunkt X, eine Verbindung miteinander eingehen („connecting“) und daraus etwas wahrlich Neues entsteht. Ich will in meiner Auszeit also „dots“ sammeln, Eindrücke, meinen Interessen und meiner Intuition folgen, ohne den Anspruch, dass ich davon direkt profitiere. Aber mit der festen Überzeugung, dass es mich bereichert. Um „outside the box“ zu denken, muss man eben manchmal die Box verlassen. Setting the mind: Wie geht man ein Sabbatical an? Stellt sich nur die Frage: Welche dots will ich sammeln, wie genau will ich die freie Zeit gestalten? Viele Hochschulen und Institutionen wie Volkshochschulen oder Museen bieten zwischen Juli und Ende September Kompaktkurse an, sogenannte Summer Schools. Dort kann man komprimiert Kreativwissen aufsaugen. Dazu kommt ein schier unbegrenztes Angebot an Online-Kreativkursen auf Plattformen wie domestika , skillshare , udemy oder meetyourmaster . Es gibt quasi nichts, was es nicht gibt – und mich interessiert alles: Siebdruck, Bauchtanz, Jodeln oder Musikproduktion. Aktzeichnen, Bildhauen, digitale Illustration, Videoschnitt oder kreatives Schreiben. Nach 15 Jahren in Bayern endlich mal ordentlich den bayrischen Dialekt lernen ? Mir von Anke Engelke die Grundregeln von Komik und Improvisation erklären lassen? Ins Didgeridoo-Handwerk eintauchen? JA, JA und JA! Eine Auswahl zu treffen, ist die pure Überforderung. Schon diese Aufgabe schubst mich direkt rein in die operativen Fragen rund um mein Creabbatical und damit in die Selbstreflexion: Ein paar Fragen zum Sortieren Wie voll packe ich meine freie Zeit? Ich will Gelerntes ja auch nachwirken lassen, Zeit zum Lesen haben und Raum für Spontaneität lassen. Ist 50/50 ein guter Ansatz? Also halb verplant, halb unverplant? „Creative people need time to sit around and do nothing”, hallt es in mir. Wie bewerte ich mein Creabbatical, wenn in der unverplanten Zeit doch nicht so viel entsteht, wie erhofft – und mich die Muse der Spontaneität nicht küsst? Was erhoffe ich mir? Brauche ich ein Ziel, eine Aufgabe oder vielleicht ein Mindestpensum an täglicher Kreativzeit? Was muss passiert sein, damit ich am Ende der zehn Wochen auf die Zeit zurückschaue und denke: „Das waren gute zehn Wochen“? Was soll auf gar keinen Fall passieren, was wäre mein Worst Case? Hier habe ich schon jetzt die klare Antwort: Zu viele Verpflichtungen und das Gefühl, nur die Erwartungen anderer erfüllt zu haben, anstatt das zu tun, was mir guttut. Was ist mein größter Stressor und Kreativitäts-Killer? Für mich: Ständig auf Achse und nur damit beschäftigt zu sein, meinen Koffer umzupacken. Was sind meine Fallstricke? Ich weiß zum Beispiel, dass ich mir an freien Tagen immer zu viel vornehme, weil ich unterschätze, wie lang die einzelnen Aktivitäten tatsächlich dauern. Und zuletzt der Reality-Check: Wie geht es mir eigentlich gerade? Was passiert zurzeit in meinem Leben und was brauche ich eigentlich – wie passen also meine Bedürfnisse, meine Erwartungen und Vorstellungen an die freie Zeit zusammen? Fragen über Fragen. Die eigene Lebenszeit plötzlich zur freien Verfügung zu haben, ist eben ein unbekanntes Gefühl. Ich merke außerdem, wie sehr ich im kapitalistischen Denken der Leistungsgesellschaft gefangen bin: Ich will die Zeit irgendwie „sinnvoll“ nutzen. Und sinnvoll heißt für mich verinnerlicht automatisch produktiv. Mein Plan für die zehn Wochen Von erfahrenen Sabbatical-Nehmerinnen habe ich den Tipp bekommen, dass ich mir eine Intuition setzen soll. Also eine innere Haltung, der ich in dieser Zeit folge und die ich explorieren kann. Ich habe mich für diese Intuition entschieden: Ich möchte in der freien Zeit tun, was mir Spaß macht und was sich richtig anfühlt. Kreative Lernerfahrungen jeglicher Art sollen Vorrang bekommen. Mein Creabbatical habe ich nun so aufgesetzt, dass rund 50 Prozent der Zeit unverplant ist. In der verplanten Zeit besuche ich einen Clown-Workshop in Konstanz und bin gespannt, wie Humor nur über den Einsatz von Gestik, Mimik und Körpersprache transportiert wird. Ich mache außerdem einen Improtheater-Urlaub auf Korfu , wo es morgens Input gibt zu Improtheater und Storytelling, und ab mittags wird am Strand gechillt. Ich habe außerdem unterschiedliche Onlinekurse in die engere Auswahl genommen, zum Beispiel „ Systemische Sexual- und Paartherapie von Ulrich Clement “, „ Die Psychologie der Farbe “ oder „ Geometrische Illustration für Social Media “. Außerdem sind feste Blöcke für Erholung mit Freunden und Familie eingeplant. Für die restliche Zeit heißt es: Go with the flow! Letting go and letting come! Inspiration für kreative Sommerkurse Habt ihr jetzt auch Lust auf Kreativkurse bekommen? Dann habe ich euch ein paar Möglichkeiten herausgesucht – wie wäre es zum Beispiel hiermit: 1. University of Copenhagen: Dressing the World, Theory and Practice through 2000 Years 2. Volkshochschule München: Wie schreibt man ein gutes Drehbuch? 3. Internationale Sommerakademie für bildende Kunst Salzburg: Exploring the Earth as Lover: New Approaches to Environmental Art, Theory & Activism 4. Regelmäßige Aktzeichen-Kurse in München 5. Summer School der Hochschule für Film und Fernsehen München: Comic Toolbox Masterclass, ein Handbuch des Humors 6. Online-Kurs: Einstieg in die Musikproduktion 7. Summer School der Universität der Künste Berlin: Pause and Participate. Play and Photograph. 8. Summer School der Aalto University in Finland: Design thinking and product development 9. Online-Kurs: Workshop Innenarchitektur 10. Und wer auf den Pfaden von Steve Jobs wandeln möchte: Kompaktkurs Kalligraphie an der Volkshochschule München
- Kolumne: Goodbye Elternhaus! Dieses Haus war 34 Jahre mein Zufluchtsort. Wie kann man den Abschied vorbereiten?
Dieser Text erschien zuerst am 09.05.2023 auf amazedmag. Denk ich an mein Elternhaus, dann denk ich sofort an unseren riesigen Garten. Wild und verwunschen. Hier darf wachsen, was will. Natur pur.Denk ich an mein Elternhaus, dann denk ich an die Zufahrt zum Haus. Über Hubbel und Schlaglöcher führt sie hinunter ins Tal, vorbei an Wiesen und Kühen, bis das Fachwerkhaus zur Rechten zu sehen ist. Bei Schnee und Eis eine einzige Rutschpartie. Vielen Besuchern wurde das zum Verhängnis: Dein Auto? Müssen wir jetzt hochschieben.Denk ich an mein Elternhaus, dann denk ich daran, dass Nachhausekommen schön ist. Dass es wie Pausetaste-Drücken ist. Alles wie immer, hier steht die Zeit still. Mariaweiß-Geschirr auf dem Tisch, Tee ist warm, wie war die Fahrt? Erstmal in den Kühlschrank gucken. Dieses Haus, mein Elternhaus, liebe ich über alles. Und davon möchte ich mich verabschieden. Offiziell gibt es dafür keinen Grund: Meine Eltern wohnen drin, ich bin regelmäßig zu Besuch, von Abschied keine Rede.Und doch glaube ich, dass meine Eltern dort nicht ewig wohnen werden. Oder können: Meine Mutter ist 78 Jahre alt, mein Vater 73. „Die Wehwehchen nehmen zu“, würde ich gerne schreiben, aber das ist untertrieben. 140 Quadratmeter Wohnfläche und 2500 Quadratmeter Garten pflegen sich nicht von alleine. Mein Bruder Ben muss Teile des Gartens mit der Sense mähen, so steil ist er (also der Garten). Dass meine Eltern den ganzen Platz schon lange nicht mehr brauchen, steht auf einem anderen Blatt. Was meine Eltern dazu sagen, dass ich einen Artikel über den Abschied von unserem Familienhaus schreibe? Sie wissen es nicht. Ihre Reaktion wäre wahrscheinlich: Abschied? Wieso denn Abschied? Wir bleiben hier, so lange wie’s geht. Dass sie keinen Bedarf für Abschied sehen, ist okay. Das ist ihre Realität. Viele Eltern verpassen den rechtzeitigen Absprung aus dem Familienhaus und werden irgendwann durch äußere Umstände, Notfall, Kurzzeitpflege, aus ihrem Umfeld gerissen. Viele Eltern verpassen den rechtzeitigen Absprung aus dem Familienhaus und werden irgendwann durch äußere Umstände, Notfall, Kurzzeitpflege, aus ihrem Umfeld gerissen. Dass ich hingegen Bedarf für Abschied sehe, ist meine Realität. In meinem Freundeskreis wurden schon zwei Elternhäuser verabschiedet – und ich will vorbereitet sein. Dieses Haus ist schließlich auch mein Zuhause. Es beheimatet so viel: Hier hab‘ ich laufen gelernt und mit meinen Brüdern Weihnachtsbäume geschmückt, hier hab ich als Teenie in den Vorgarten gespien und hierhin bin ich nach meiner Trennung geflüchtet. Mein Kinderzimmer gibt es noch, es ist das einzige. Da steht immer noch mein Carpe Diem an der Wand mit den hübschen, monochromen Wandbuchstaben vom Impressionen-Shop. Wenn dieses Haus weggeht, dann geht auch ein Stück von mir weg. Meine Eltern und ich, wir, müssen uns über den Zeitpunkt des Abschieds also nicht einig sein. Das hier ist meine Perspektive. Die Psychologie des Elternhaus-Verabschiedens Ein Abschiedsprozess dauert ungefähr zwei Jahre, sagen Psychologen. Nach zwei Jahren hat man realisiert, dass ein geliebter Mensch nicht mehr da ist. Gilt das auch fürs Abschiednehmen vom Elternhaus? Zwei Jahre nochmal bewusst erleben, und dann: „Jap, fertig, losgelassen, bitte nehmen Sie dieses Haus!“ sagen?Kaum etwas symbolisiert Sicherheit und Geborgenheit so stark wie das Haus der eigenen Kindheit. Ein Nest, das immer offensteht, 24/7, 365 Tage im Jahr. Ein Ort, in dem Menschen geformt werden. Will man seinem Kind einen Gefallen tun – ihm zum Beispiel ein stabiles psychisches Grundgerüst fürs Leben mitgeben – so ist es das Beste, was man tun kann: ein beständiges, warmes Zuhause schaffen. Ob Haus oder Wohnung ist dabei ganz egal. Muss man diesen Ort aufgeben, signalisiert das: Kindheit vorbei. Dann ist es Zeit, die alten Schulhefte wegzuschmeißen. Das Gefühl des Abschieds sagt: In Zukunft kannst du nicht mehr „einfach so“ Unterschlupf finden, du musst auf eigenen Beinen stehen. Wenn ich das so schreibe, berührt mich das seltsam wenig, auf eigenen Beinen stehe ich ja eh schon. Es heißt aber auch: Wenn ich in Zukunft nach Hause fahre, werde ich diesen Ort nicht mehr sehen. Ich bin zwar in der Heimatstadt, schlafe aber woanders. Ich kann zwar zum Haus gehen, es aber nicht mehr betreten. Die Schachtel, die meine Erinnerungen zusammengehalten hat, sie ist dann weg. Was hält denn dann meine Erinnerungen zusammen? Und da schwingt auch mit: Lebenszeit begrenzt, Mama und Papa sind nicht unsterblich. Das Fundament, es schwankt. Gibt es noch etwas, das ich klären will? Welchen Auftrag hat mir dieses Elternhaus mitgegeben? Habe ich diesen Auftrag erfüllt – oder will ich mich davon lösen? Nicht umsonst steht der Begriff Elternhaus auch synonym für die Familie mit ihrem prägenden, erzieherischen Einfluss. Das Elternhaus-Verabschieden als finaler Schritt der Abnabelung von Zuhause. Die Herkunft loslassen. Der einzige Weg, der nun bleibt, ist der Blick nach vorne, das Hinwenden zur eigenen Zukunft. Trennungsschmerz. Wachstumsschmerz. Den Abschied vorbereiten Seit ungefähr anderthalb Jahren denke ich, dass ich mich so langsam verabschieden sollte. Davor hatte ich die Idee verworfen, ein Tiny House in den Garten meiner Eltern zu setzen. Das wäre nett, solange meine Eltern im Haupthaus nebenan wohnen. Aber sobald Fremde vor meiner Tiny-House-Terrasse grillen, fühlt es sich nicht mehr richtig an. Seitdem versuche ich, jeden Wechsel der Jahreszeiten bewusst zu erleben. Der Frühling kommt? Mit ihm der Bärlauch neben dem Komposthaufen. Sommer heißt: Yoga in der Morgensonne mit Blick in den Wald. Der Herbst bringt Kiwis überm Hasenstall. Winter: Hoffentlich kein Schnee. Ich gehe mit offenerem Blick durchs Haus. Entdecke es, als würde ich es zum ersten Mal betreten. Hing dieses Bild schon immer da? Weshalb haben meine Eltern es angeschafft? Was verbinden sie damit? Manchmal komme ich direkt dazu, zu fragen, dann werden sie ganz nostalgisch. Oft finde ich auf diesen Touren eine Kleinigkeit, die ich unbemerkt in meine Stadtwohnung mitnehme: eine Saftkaraffe hier, eine versilberte Zuckerschale dort. Ein Stückchen Herkunft, das ich mit in meine Zukunft nehme. Auf meinem Handy habe ich einen Ordner, der „Heimkommen“ heißt. Hierhin verschiebe ich Fotos, die ich schön finde und die mich sentimental stimmen: der Garten in saftigem Grün, Johannisbeer-Baiser-Kuchen auf Silbertablett neben Mudsch; mein Vater, der Hecke schneidet. Ein Familien-Fotoshooting habe ich aus dem Studio in den Garten verlegt. Nochmal für Verewigung sorgen, für das Haus und alle, die dazugehören. Eines Tages sind die Fotos mein einziges Rückfahrticket in die Zeit von damals, als noch alles gut war. Mein Vater hat sich vor dem Haus malen lassen. Gut gelaunt, mit ausgestrecktem Daumen. Was ich noch machen will: Mir einen Ort auf neutralem Gelände suchen, von dem aus ich mein Elternhaus gut im Blick habe. Einen Ort, den ich besuchen kann, wenn dieses Haus nicht mehr uns gehört, ich nicht mehr hineingehen kann, mich aber nahe fühlen will. Einen Ort, den ich vorher noch emotional aufladen kann, vielleicht steht daneben ein Baum, in den ich ritze: „Hier sitzt Hanna, die auf ihr Elternhaus blickt und wünschte, sie könnte die Zeit anhalten.“ Musstet ihr schon euer Elternhaus oder eure Elternwohnung verabschieden? Wie habt ihr den Abschied erlebt?



