"Mag ich ihn genug?" - Meine Antwort


Liebe Frau Dr. Kuschel,
wie sollte es sich anfühlen, wenn ich in jemanden verliebt bin? Wenn ich jemanden lieber mag als nur freundschaftlich? Wann weiß ich, dass ich die Person genug mag?
Das sind Fragen, auf die ich beim Kennenlernen immer wieder stoße. Ich habe bei Männern kein Bauchgefühl, auf das ich mich verlassen kann. Anders als in Jobfragen, wo ich ganz klar entscheiden kann. Und dann kommen ja noch die Hormone dazu, die mir den Kopf vernebeln.
Oft denke ich, ich muss sofort entscheiden, sofort „Ja“ oder „Nein“ spüren. Am liebsten würde ich aber innehalten und mir alles in Ruhe von außen angucken: Wie fühlt sich das jetzt an? Dazu komme ich aber gar nicht. Am liebsten hätte ich ein Flussdiagramm, das alle Stufen des Kennenlernens aufzeigt und mir dann Feedback gibt: Alles richtig gemacht, jetzt bist du weit genug, um mit dieser Person zusammen zu sein. Und dann gibt’s ja noch den Anderen, der mich verunsichert. Selbst, wenn ich die Entscheidung treffe „Ich finde den gut“, kann der ja immer noch entscheiden: „Aber ich finde dich nicht gut“. Oder andersrum: Wenn er mich erwartungsfroh anschaut, ich Zugzwang spüre und ich mich im Zweifel auf etwas einlasse, das ich nicht wirklich will.
Was rätst du mir?
Deine Verzweiflerin
Liebe Verzweiflerin,
ein Flussdiagramm für die Kennenlernphase – mit direktem Feedback, dass man auf dem richtigen Weg in eine Beziehung ist. Was für eine geniale Idee! Idealerweise könnte man dieses Diagramm teilen, wie einen Live-Standort, damit der Andere auch direkt Bescheid weiß: Wo befinden wir uns gerade auf unserer Beziehungslandkarte? Noch zwei Mal links abbiegen zur Beziehung. Like, um zuzustimmen.
Das einzige Problem: Das Flussdiagramm sähe für jedes Paar anders aus. Sprichst du mit zehn Paaren über ihr Kennenlernen, Verlieben und Zusammenkommen, so bin ich sicher: Jedes Paar hatte ein eigenes Tempo, andere Umstände, Zufälle oder Nöte, die dem Schicksal auf die Sprünge geholfen haben. Viele von ihnen waren wahrscheinlich erstmal nur befreundet. In einer Studie mit knapp 1.900 Befragten gaben zwei Drittel an, dass ihre Beziehung aus einer Freundschaft entstanden ist, die Anziehung mit der Zeit erst aufkam. Einen allgemeingültigen Ablauf für Beziehungsanbahnung, den gibt es also nicht. Auch, wenn Onlinedating dazu geführt hat, dass Abläufe immer ritualisierter und ähnlicher werden (1. Date: Kaffee, 2. Date: Essengehen, 3. Date: Sex) und man den Anschein bekommt, man kenne den pathway to love. Nur: Mind the gap, Liebe ist Chaos!
Mögen ist ein Gefühl. Beziehung ist eine Entscheidung.
“Mag ich ihn genug?” klingt, als gäbe es einen Schwellenwert, ab dem das Gefühl reicht. Den gibt es nicht. Mögen und Verliebtsein sind Gefühle, und die kommen und gehen, sind mal laut, mal leise. Manchmal weiß man erst im Nachhinein, wer einen wirklich berührt hat. Die Beziehung dagegen ist eine Entscheidung, die zwei Menschen gemeinsam treffen. Manche Menschen sind sogar zusammen, ohne sich zu lieben. Du musst also nicht erst herausfinden, wie viel du fühlst, bevor du etwas tun darfst. Du kannst dir erlauben, den Entscheidungsdruck rauszunehmen und auch, das Tempo zu finden, das für dich passt - auch wenn das heißt, dass du dich manchmal zurückziehen musst.
Bei Freundschaft überwiegt Verbundenheit, bei Liebe Verlangen
Dass du zweifelst, ist ganz normal. Und auch, dass du in der Phase des Kennenlernens, der Unsicherheit, widersprüchliche Gefühle hast. Die Forschung hat sich angeguckt, wie sich freundschaftliche Zuneigung und romantische Liebe voneinander unterscheiden. Bei Freundschaft überwiegt Vertrauen, Verständnis und angenehme Verbundenheit; romantische Liebe ist stärker mit Verlangen und Erregung verbunden. Für dich kann es sinnvoll sein, dir mehr Zeit zu geben, um so weitere Erfahrungen miteinander zu sammeln: Wie verändern sich Nähe, Lust und Sicherheitsgefühl über mehrere Wochen hinweg? Im guten Fall bist du nicht ständig unsicher, wo die andere Person steht, weil sie dir Signale aussendet, dass ihr eine belastbare Verbindung habt.
Elyas M'Barek rät in dieser Frage übrigens im aktuellen ZeitMagazin: "Wenn der Klang ihrer [oder seiner] Stimme das Schönste ist, was es gibt: Dann weiß du, dass es Liebe ist."

Ein Stimmungsbild
Weil es ja auch interessant ist, wie andere ticken: Ich frage mich selten, ob ich jemanden “genug” mag. Mich leiten eher andere Fragen:
Bin ich neugierig auf ihn?
Werde ich mit ihm zu einer lebendigeren Version von mir?
Wären wir als Paar kompatibel?
Wäre ich stolz, wenn mir jemand sagt, dass ich so wie er bin?
Dann probiere ich es mit ihm aus und schaue, wie es läuft. Das ist keine Pflicht, nur meine Art – die mir beschert hat, dass meine Tante mir letztens schrieb: “Oh nein, Hanna! SCHON WIEDER EINE TRENNUNG?”
Fragen zum Mitnehmen
Diese Fragen könntest du dir anschauen, um dem Thema weiter auf den Grund zu gehen:
Will ich mit dieser Person nicht nur schöne Momente teilen, sondern auch Verletzlichkeit, Konflikte, Alltag und Verbindlichkeit?
Welches Bild entsteht in dir, wenn du an Beziehung denkst: eng oder weit, beruhigend oder einengend, erreichbar oder unerreichbar?
Darf man in diesem Bild seine Meinung ändern, nachdem man einmal “Ja” gesagt hat? Wie gut kannst du eigentlich “Nein” sagen?
Warum stellst du gerade diese Frage? Was würde sich verändern, wenn du dir erlaubst, jemanden gern zu mögen – so richtig gern?
Eventhinweis für Singles in München:
Am 20.11.2026 veranstalte ich einen Dialogabend in München. Ein Abend nur für Single-Frauen und ihre Themen: Impulse bekommen, Klarheit über Beziehungen gewinnen, sich gemeinsam stärken. Ich freue mich auf dich!



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