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Ach, die Depression. Diese verfickte Depression. Und was man als Angehörige tun oder sagen kann.

  • Autorenbild: Hanna Kuschel
    Hanna Kuschel
  • vor 8 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit
Geschlagen, aber nicht besiegt. Depressionen betreffen viele Menschen in Deutschland. Im Artikel findet ihr Orientierung, was man als Angehörige_r machen kann.
Geschlagen, aber nicht besiegt. Depressionen betreffen viele Menschen in Deutschland. Im Artikel findet ihr Orientierung, was man als Angehörige_r machen kann.

Für die bessere Übersicht, hier eine Struktur des Artikels:


Einleitung

Rund 12,5% der Deutschen haben eine Depression. Und das sind nur die Menschen, die zum Arzt gehen und sich helfen lassen – und die dadurch in der Statistik auftauchen. Für Deutschland wären das etwa 9,5 Millionen Menschen. Würden diese Menschen eine Menschenkette bilden, so stünden sie Schulter an Schulter von Berlin nach New York – und sogar länger. Es sind einfach verdammt viele Menschen betroffen!

Depression schwirrt auch in meinem Umfeld rum. Ich selbst bin unsicher, ob ich schonmal in einem Zustand war, der die diagnostischen Kriterien für eine Depression erfüllt. Mit Sicherheit aber hatte ich schon Phasen, die sich schwer und dunkel und erdrückend angefühlt haben und in denen es mir schwerfiel, zu glauben, dass es mal wieder schöner wird. In denen ich keine Musik hören konnte. In denen sich meine Mundwinkel wie nach unten getackert angefühlt haben. Und dann sind irgendwann wieder Ideen in meinem Kopf aufgetaucht. Plopp, einfach so. Oder Lustiges, Skurriles, das mich selbst zum Lachen brachte. Und dann dachte ich: Ah, stimmt, diesen Zustand gibt es ja auch. Welcome back!


Was sagt man zu jemandem mit Depression?


Ich bin froh, dass es mittlerweile akzeptierter ist, offen über psychische Gesundheit zu sprechen. Gerade erst habe ich erlebt, dass sich mir ein Bekannter anvertraut hat: Ja, es ist Depression. Als ich das hörte und mir das Ausmaß seines Leidens bewusst wurde, erfasste mich direkt eine Welle des Mitgefühls. Wie schade. Wie schlimm. Wie schrecklich. Wie hilflos. Es hat mich nachhaltig mitgenommen, diese Person in dieser Situation zu sehen. Und mitzufühlen, dass sich die äußeren Umstände, die eine Mitschuld an der Depression tragen, erstmal nicht ändern lassen. Was sagt man da? Fokussier dich aufs Positive, always look on the bright side of life? Wird schon wieder? Kopf hoch? Das alles hat sich nicht richtig angefühlt. In mir war aber auf jeden Fall das Bedürfnis zu helfen, aufzumuntern. Dazu später mehr.



Ein Video, das man verschicken kann

In einer ähnlichen Situation, ein paar Wochen davor, gab es schonmal jemanden, den ich in einer depressiven Phase aufmuntern wollte. Und habe dieses Video verschickt. Es ist ein Ausschnitt aus dem letzten Interview mit der Verhaltensforscherin Jane Gooddall, das sie vor ihrem Tod gab.



Sie richtet sich darin direkt an den Zuschauer und sagt (auszugsweise):

I want to make sure that you all understand that each and every one of you has a role to play. You may not know it. You may not find it. But your life matters, and you are here for a reason. And I just hope that that reason will become apparent as you live through your life. I want you to know that whether or not you find that role you’re supposed to play, your life does matter. And that every single day you live, you make a difference in the world, and you get to choose the difference that you make.  

 

Dein Leben zählt! Die deutsche Übersetzung:

Ich möchte sichergehen, dass ihr alle wisst, dass jeder von euch hier eine Rolle hat. Es kann sein, dass du deine Rolle noch nicht kennst. Dass du sie nicht findest. Aber dein Leben zählt – du bist mit einem Grund auf dieser Erde. Und ich hoffe sehr, dass deine Rolle für dich ersichtlich wird, während du durch dieses Leben gehst. Ich möchte, dass du weißt: unabhängig davon, ob du deine Rolle findest, die das Leben für dich vorsieht – dein Leben ist wichtig. Und mit jedem Tag, den du lebst, machst du einen Unterschied in der Welt. Und welchen Unterschied genau, das kannst du jeden Tag neu entscheiden.

Diese Botschaft hat mich tief berührt und genau das, was sie sagt, wollte ich die Person wissen lassen. Wie auch immer du dich gerade fühlst: Du zählst! Du bist wichtig!

 


Tipps für den Umgang mit Menschen mit Depressionen:


1.       Zuhören & sehen, wie schwer es sich gerade anfühlt

Wir tendieren dazu, schwere Situationen direkt „reparieren“ zu wollen. So wie ich: Ich wollte unbedingt helfen oder was Ermutigendes sagen. Das braucht es häufig gar nicht. Es reicht schon, im ersten Schritt einfach zuzuhören und meinem Gegenüber zu spiegeln: „Ich höre, wie schlecht es dir geht. Und das tut mir unheimlich Leid, dass du dich gerade so fühlst.“


Vielleicht möchtest du noch mehr über die Depression erfahren:

  • Seit wann fühlst du dich so?

  • Wie würdest du das Gefühl beschreiben?

  • Wann ist es am schlimmsten?

  • Wie sorgst du gerade für dich?


Für mein Gegenüber bietet das die Möglichkeit, zu erfahren, dass die Schwere da sein darf. Dass die Depression nicht zu schwer für andere ist. Dass man sich zumuten darf. Und dass es manchmal nicht direkt eine Lösung gibt.

 

2.       Unterstützung oder Begleitung anbieten und Freiraum lassen

Du könntest fragen, wie du konkret helfen kann, ob du zu Terminen begleiten kannst, ihr gemeinsam Bewerbungen schreiben wollt oder einfach zusammen einkaufen geht.  

Respektiere gleichzeitig, wenn jemand Freiraum braucht.

 

3.       Zur professionellen Hilfe ermutigen

Niemand muss da alleine durch! Depressionen lassen sich sehr gut professionell behandeln. Fachleute, also Ärzte und Psychotherapeutinnen, bieten gezielte Unterstützung an und deren Wirksamkeit ist vielfach empirisch bestätigt. Man kann dabei helfen, Angebote zusammenzusuchen und die nächsten Schritte zu planen (s.u.). Ich hab mal als Tipp gelesen: Bücher zu Depression aufs Klo legen, zum Beispiel "Mein schwarzer Hund", da kann die betroffene Person in Ruhe durchblättern und sich orientieren.

Letztendlich muss aber der/die Betroffene selbst den Schritt in Richtung Behandlung gehen. Das ist ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg zur Heilung.

 

4.       Gemeinsame Aktivitäten planen

Ein gemeinsamer Spaziergang, ein Kaffee oder ein Kinobesuch helfen, ohne Druck aufzubauen.

 

5.       Kurze Check-ins oder Memes - und keine Reaktion erwarten

Eine kurze Nachricht: "Hey, ich denk grad an dich. Brauchst nicht antworten, wollte nur sagen, dass ich da bin." Oder ein Meme schicken. Oder drei. Oder fünfzehn. Einfach zeigen, dass man da ist und keine Erwartungen an die Person hat.


5.       Auf die eigenen Grenzen & Ressourcen achten

Du kannst unterstützen, aber du musst nicht die Rolle eines Therapeuten übernehmen. Achte auf deine eigenen Ressourcen.



Hilfe bei Depressionen. Eine Übersicht.


Was ist ein „Erstgespräch“ beim Therapeuten?

In Deutschland heißt das offiziell „Psychotherapeutische Sprechstunde“.

Dort wird:

  • geklärt, was los ist

  • eingeschätzt, ob und welche Therapie sinnvoll ist

  • ggf. eine Diagnose gestellt

  • besprochen, wie es weitergeht (Einzel-, Gruppen-, andere Angebote)

👉 Noch keine Therapie, sondern Orientierung

👉 Kassenleistung, kein Antrag nötig

 


Wo meldet man sich für ein Erstgespräch?

🔹 Terminservicestelle (sehr wichtig!)

  • 📞 116 117

  • oder online über http://therapie.de die Kassenärztliche Vereinigung deines Bundeslandes

  • Du hast gesetzlich Anspruch auf eine Sprechstunde


🔹 Hausärzt_in

  • kann beraten

  • manchmal beim Vermitteln helfen

  • ggf. Krankschreibung / Überbrückung

🔹 Direkt bei Therapeut_innen

  • Suche nach Psychologische Psychotherapeutin / Psychotherapeut z.B. über therapie.de

  • Dort kannst du nach Postleitzahl suchen & auch bestimmte Filter setzen, z.B. Abrechnung über die Kasse

  • Die Psychotherapeut_innen stellen sich mit einem Profil vor, du findest dort die Kontaktdaten

  • Anrufen oder anschreiben (viele Praxen haben feste Telefonzeiten)

  • Schildere deine Situation kurz, das spart dir Zeit und die Therapeut_innen können die Dringlichkeit besser einschätzen und dich vielleicht kurzfristig einschieben


 

3. Wie schnell bekommt man einen Termin?

Sprechstunde: 👉 meist innerhalb von 2–4 Wochen (über 116 117 oft schneller)

Therapieplatz danach: 👉 häufig mehrere Monate Wartezeit

Wichtig:

Auch ohne Therapieplatz bist du nach der Sprechstunde nicht „abgewiesen“ – oft werden Alternativen empfohlen.

 

4. Niedrigschwellige Gruppenangebote bei Depressionen

„Niedrigschwellig“ = ohne langen Antrag, oft kostenlos oder schnell zugänglich.

 

Selbsthilfegruppen

  • organisiert über NAKOS oder lokale Selbsthilfekontaktstellen

  • kein Diagnosezwang

  • Austausch auf Augenhöhe

  • regelmäßig, wohnortnah


Psychoedukative Gruppen

  • Infos zu Depression, Umgang, Rückfallprophylaxe

  • oft bei:

    • Kliniken

    • Ambulanzen

    • psychosozialen Diensten

  • teilweise ohne lange Wartezeit


Gruppentherapie

  • zählt als reguläre Psychotherapie

  • oft schneller Platz als Einzeltherapie

  • sehr wirksam bei Depressionen


Online-Angebote (anerkannt)

  • z.B. DiGA (digitale Gesundheitsanwendungen), z.B. Hellobetter, Novego, deprexis

  • strukturierte Programme, begleitet oder selbstgeführt

  • Sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Psychotherapeuten über DiGA-Apps auf Rezept

  • Du erhältst einen Verordnungscode (Rezept)

  • Reiche das Rezept bei deiner Krankenkasse ein – und du bekommst einen Zugangscode zur App



Fotohinweis Headerfoto: Screenshot aus dem Video "Famous last words" auf youtube.com

 
 
 

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